Ein Erbe der Revolution
Napoleons Armee kam nicht aus dem Nichts. Sie erbte die Reformen der letzten Jahre der Monarchie, etwa die vereinheitlichte Artillerie des Generals de Gribeauval, und vor allem die Armeen der Revolution: die Massenaushebung von 1793, den auch Bürgerlichen offenen Aufstieg, die Gewohnheit, Krieg mit großen Massen und in Bewegung zu führen. Viele ihrer Befehlshaber waren Unteroffiziere oder junge Offiziere von 1792, die binnen weniger Jahre Generale geworden waren.
Das Gesetz Jourdan vom 5. September 1798 machte die Konskription zum regulären Weg der Rekrutierung: Junge Männer zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren wurden erfasst und nach Bedarf einberufen. Unter dem Konsulat erhielten wohlhabende Familien das Recht, einen Stellvertreter zu bezahlen, was die Konskription zu einer Blutsteuer machte, die vor allem die Armen traf. Insgesamt wurden unter dem Kaiserreich nach den gängigsten Schätzungen mehr als zwei Millionen Mann einberufen. Bonaparte reformierte auch, was schlecht funktionierte. Im Januar 1800 militarisierte er den Artillerietrain: Bis dahin wurden die Pferde, die die Geschütze zogen, von zivilen Fuhrleuten unter Vertrag gelenkt, die die unangenehme Gewohnheit hatten, beim ersten Schuss davonzulaufen.
Boulogne, die Schule der Grande Armée
Von 1803 bis 1805 wurden im Hinblick auf eine Landung in England rund zweihunderttausend Mann in Lagern an der Kanalküste um Boulogne zusammengezogen. Die Landung fand nie statt, doch diese zwei Jahre machten aus den Truppen die am besten ausgebildete Armee Europas: Man übte unablässig, vom Bataillon bis zum ganzen Armeekorps, und die Offiziere lernten, zusammenzuarbeiten. Am 16. August 1804 verteilte Napoleon dort mit großem Gepränge die ersten Kreuze der Ehrenlegion an die Soldaten.
Ende August 1805, als Österreich und Russland zum Angriff rüsteten, brach Napoleon die Lager ab und warf seine Armee an den Rhein. In einem Brief an Berthier vom 29. August taucht zum ersten Mal der Name „Grande Armée“ auf. Die Bulletins über Ulm und Austerlitz machten ihn berühmt. Ein oft vergessenes Detail: Im Herbst 1808, als die Armee zwischen Spanien und Deutschland aufgeteilt wurde, verschwand der Name offiziell und kehrte erst 1812 zurück, für die gewaltige gegen Russland versammelte Armee.
Das Armeekorps, der Schlüssel des Systems
Die wichtigste Neuerung war keine neue Waffe, sondern eine Organisation. Die Grande Armée war in Armeekorps gegliedert, wahre Armeen im Kleinen: Jedes umfasste zwei bis vier Infanteriedivisionen, eine Brigade oder Division leichter Kavallerie, eigene Artillerie, Pioniere und Dienste, meist zwanzig- bis dreißigtausend Mann, manchmal weit mehr. Ein Korps war stark genug, um einen Tag lang allein einem überlegenen Gegner standzuhalten, bis die anderen herankamen.
Diese Beweglichkeit veränderte die Kriegführung. Die Korps marschierten getrennt auf parallelen Straßen, was ihnen erlaubte, aus dem Land zu leben und schnell voranzukommen; sie blieben nahe genug beieinander, um sich binnen ein, zwei Tagen auf dem gewählten Schlachtfeld zu vereinigen. 1805 brachen sieben Korps vom Rhein zur Donau auf, befehligt von Bernadotte, Marmont, Davout, Soult, Lannes, Ney und Augereau, dazu Murats Kavalleriereserve und die Garde. Sie umfassten die österreichische Armee bei Ulm, bevor diese begriff, wie ihr geschah. „Der Kaiser hat eine neue Art gefunden, Krieg zu führen“, sagten die Soldaten nach einem oft zitierten Wort, „er führt ihn mit unseren Beinen.“ 1806 rückten die Korps gegen Preußen im „Bataillonskarree“ vor, so angeordnet, dass sie in jede Richtung Front machen konnten.
Alles beruhte auf dem Marsch. Ein Korps legte gewöhnlich fünfundzwanzig bis dreißig Kilometer am Tag zurück, im Notfall mehr. Am Vorabend von Austerlitz erreichte die Division Friant aus dem Korps Davout das Schlachtfeld von Wien aus, nachdem sie in 48 Stunden rund 110 Kilometer zurückgelegt hatte, und ging sofort in Stellung. Solche Leistungen setzten junge, abgehärtete Männer voraus, Führer, die wussten, wohin sie wollten, und einen Kaiser, der die Entfernungen auf den Tag genau berechnete.
Marschälle und Generalstab
Über den Korps standen die Marschälle. Am 19. Mai 1804, dem Tag nach der Ausrufung des Kaiserreichs, ernannte Napoleon achtzehn: vierzehn aktive Generale und vier ehemalige Generale der Revolution, für die die Würde vor allem ehrenhalber war. Sechsundzwanzig Männer sollten bis 1815 den Marschallstab tragen. Viele stammten aus bescheidenen Verhältnissen: Ney war Sohn eines Böttchers, Murat eines Gastwirts, Lefebvre eines Müllers. Drei von ihnen, Lannes, Bessières und Poniatowski, fielen im Kampf. Der Satz, „jeder Soldat trägt den Marschallstab im Tornister“, fasst dieses Ideal des Aufstiegs durch Verdienst gut zusammen. Er stammt jedoch nicht von Napoleon: Ludwig XVIII. sprach ihn 1819 vor Kadetten von Saint-Cyr.
Hinter dem Kaiser hielt ein unauffälliges Organ die Maschine in Gang: der Stab. Das kaiserliche Hauptquartier bestand einerseits aus Napoleons militärischem Haushalt, seinen Adjutanten, seinem Kabinett und seinem topographischen Büro, andererseits aus dem großen Generalstab, Berthiers ureigenem Bereich. Als Generalstabschef der Grande Armée von 1805 bis 1814 verwandelte Berthier die oft in wenigen Sätzen diktierten Entscheidungen des Kaisers zu jeder Stunde in präzise, ausgefertigte und versandte Befehle. Viele Historiker meinen, dass sein Fehlen bei Waterloo schwer wog.
Die drei Waffengattungen
Die Infanterie bildete die Masse der Armee. Am Ende des Kaiserreichs zählte sie mehr als hundertdreißig Linienregimenter und rund dreißig Regimenter leichter Infanterie. Seit der Reform von 1808 hatte ein Bataillon sechs Kompanien zu etwa 140 Mann: vier Füsilierkompanien, eine Grenadierkompanie mit den größten und erfahrensten Männern und eine Voltigeurkompanie mit kleinen, gewandten Soldaten, die den Feind als Plänkler beunruhigen sollten. Der Fußsoldat trug das Gewehr Modell 1777 und musste tagelang marschieren können.
Die Kavallerie machte je nach Zeit ein Fünftel bis ein Sechstel der Stärke aus. Die schwere Kavallerie, Kürassiere und Karabiniers, sollte die feindlichen Linien durchbrechen; die vielseitigen Dragoner kämpften zu Pferd wie zu Fuß; die leichte Kavallerie, Husaren, Chasseurs à cheval und ab 1811 Lanciers, klärte auf, deckte die Armee und verfolgte den geschlagenen Gegner. Napoleon, ehemaliger Artillerieoffizier, machte seine Geschütze zu einer entscheidenden Waffe: Divisionsbatterien mit sechs Kanonen und zwei Haubitzen, reitende Artillerie, die der Kavallerie folgen konnte, und große Batterien aus Dutzenden auf einen Frontabschnitt konzentrierten Geschützen, wie bei Wagram. Pioniere und Pontoniere, die Brücken schlugen und Wege bahnten, ergänzten das Ganze.
Auf dem Schlachtfeld beruhte die Stärke der Grande Armée weniger auf einer neuen Taktik als auf dem Zusammenwirken der Waffen. Die Infanterie manövrierte und griff in Kolonne an, feuerte in Linie, verband oft beides in einer „gemischten Ordnung“ und bildete Karrees gegen Kavallerie; die Voltigeure schwärmten als Plänkler vor ihr aus. Die Artillerie bereitete den Angriff vor, indem sie einen Punkt der feindlichen Linie zerschlug, die Infanterie stieß hinein, und die Kavallerie nutzte die Bresche und verfolgte. Wenn dieser Mechanismus funktionierte, wie bei Austerlitz oder Jena, widerstand ihm keine Armee Europas; fehlte eines der Räder, wie 1813 die Kavallerie, blieben die Siege ohne Folgen.
Die Garde
Abseits der übrigen stand die Kaiserliche Garde. Aus der Konsulargarde hervorgegangen, bildete sie ein vollständiges Korps mit eigener Infanterie, Kavallerie und Artillerie. Aufgenommen wurde man nach mehreren Feldzügen und besonderen Taten; der Sold war höher, die Uniform schöner, das Ansehen gewaltig. Die Veteranen der Alten Garde, die man Grognards nannte, die Brummbären, weil sie über alles murrten und doch nie aufhörten, dem Kaiser zu folgen, waren ihr Herz.
Napoleon schonte diese Reserve und setzte sie nur sparsam ein, bis hin zur Weigerung, sie bei Borodino ins Gefecht zu werfen. Ab 1809 fügte er eine Junge Garde aus den besten Rekruten hinzu, später eine Mittlere Garde. Die Stärke wuchs: nach Schätzungen etwa 50 000 Mann 1812, 90 000 im Jahr 1813 und über 100 000 im Jahr 1814. Die Garde wurde zu einer Armee in der Armee, und oft hing das Schicksal der letzten Schlachten von ihr ab.
Verpflegen, befördern, heilen
Die Schnelligkeit der Korps hatte ihren Preis: Die Armee konnte nicht alles hinter sich herziehen, was sie verbrauchte. Man legte Magazine an, verließ sich aber auch auf Requisitionen und auf die Versorgung aus dem Land. Das System funktionierte in den reichen Landschaften Italiens und Deutschlands; es versagte in armen Ländern, in Polen im Winter 1806/07, in Spanien und katastrophal in Russland. Napoleon versuchte, dem 1807 mit der Schaffung eines militärischen Fuhrwesens abzuhelfen, des Train des équipages, das Soldaten statt Unternehmern anvertraut wurde, doch es genügte den Bedürfnissen nie.
Der Sanitätsdienst stand vor derselben Spannung. Chirurgen wie Dominique-Jean Larrey, Chefchirurg der Garde, und Pierre-François Percy gingen neue Wege: Larrey hatte schon in den Revolutionskriegen „fliegende Ambulanzen“ entwickelt, die die Verwundeten nahe am Kampf holten, statt das Ende der Schlacht abzuwarten. Doch die Mittel blieben angesichts der Truppenstärken kläglich, und Krankheiten, Ruhr und Typhus töteten weit mehr Soldaten als die Kanonenkugeln.
Eine immer europäischere Armee
Die Grande Armée von 1805 war eine französische Armee von Veteranen. Die von 1812 war eine Koalition. Zu den Franzosen, von denen ein Teil aus den annektierten Departements stammte, von Belgien bis ins Rheinland, vom Piemont bis nach Holland, kamen die Kontingente der Verbündeten und Vasallenstaaten: Polen aus dem Herzogtum Warschau, Deutsche aus dem Rheinbund, Italiener, Schweizer, Kroaten, Spanier und Portugiesen. Selbst die Garde nahm polnische Chevaulegers, holländische Lanciers und eine Schwadron Mamelucken auf. In Russland war weniger als die Hälfte der Soldaten französisch.
Jeder Feldzug nutzte das Instrument weiter ab. Spanien verschlang ab 1808 Hunderttausende Mann, Russland vernichtete 1812 die Veteranen und fast die gesamte Kavallerie. Die Rekruten von 1813 und 1814 kämpften tapfer, doch ohne die Erfahrung ihrer Vorgänger, und das Kaiserreich ersetzte die verlorenen Pferde nie. Im Salon von 1814, wenige Monate nach dem Sturz des Kaiserreichs, stellte Géricault einen verwundeten Kürassier aus, der das Feuer verlässt und sich zur Schlacht umwendet: das Bild einer Armee, die alles gegeben hatte.
Was bleibt
Nach Waterloo wurde die kaiserliche Armee aufgelöst, und viele ihrer Offiziere lebten auf Halbsold, vom neuen Regime überwacht. Doch ihre Organisation überlebte sie. Im 19. Jahrhundert übernahmen die großen europäischen Armeen das Armeekorps und den ständigen Generalstab; die Offiziere studierten ihre Feldzüge in den Schriften Jominis, der in ihren Reihen gedient hatte, und Clausewitz', der gegen sie gekämpft hatte. Die Legende bemächtigte sich der Grognards, der Garde und der Marschälle, oft so sehr, dass sie die Wirklichkeit verdeckte: die einer bemerkenswert organisierten Armee, aber auch einer Maschine, die ganze Generationen junger Europäer verbraucht hat.
Literatur
- John R. Elting, Swords Around a Throne. Napoleon's Grande Armée, Free Press, 1988.
- Alain Pigeard, L'Armée de Napoléon. Organisation et vie quotidienne, Tallandier, 2000.
- Thierry Lentz und Jean Lopez (Hg.), Les Mythes de la Grande Armée, Perrin, 2022.
- David G. Chandler, The Campaigns of Napoleon, Macmillan, 1966.