Joachim Murat (1767-1815), durch die Heirat mit Caroline Bonaparte Schwager Napoleons, zählt zu den spektakulärsten Marschällen des Ersten Kaiserreichs: Kavallerie-Fahnenträger bei Jena, Eylau und Austerlitz, Großherzog von Berg, dann König beider Sizilien als Gioacchino Napoleone — der Soldat, den der Kaiser zum Souveränen hob. Sein auffälliges Auftreten — üppige Uniformen, Federn, öffentliche Attacken — nährt die Volkssage wie das Misstrauen der europäischen Kabinette, die in ihm das Symbol eines zu schnell dynastisch gemachten Schwertadels sahen. Seine neapolitanische Herrschaft verbindet Verwaltungsreform, Kulturpolitik und strategische Abhängigkeit von Paris; die Wendung kommt mit dem Russlandfeldzug, dem Geheimvertrag mit Österreich vom Januar 1814 — Napoleon nennt ihn feige —, dem Wagnis der Hundert Tage und der Niederlage bei Tolentino. In Kalabrien gefangen, am 13. Oktober 1815 in Pizzo erschossen nach einem theatralischen Ende, hinterlässt er ein geteiltes Erbe zwischen dem « Säbel der Armee » der Bulletins und dem « abtrünnigen König » der Bourbonen-Pamphlete; auch Napoleons hartes, klares Urteil von St. Helena: « tapfer, aber ohne Urteil » — ein Epilog zwischen militärischem Prestige und politischer Fragilität.
Vom Quercy zur Kavallerie des Reichs: Italien, 13. Vendemiaire, Ägypten, Marschallat
Joachim Murat wird am 25. März 1767 in Labastide-Fortunière im Quercy geboren, Sohn des Gastwirts Pierre Murat-Jordy und der Bäuerin Jeanne Loubières. Das Seminar von Toulouse langweilt ihn; 1787 tritt er bei den Jägern der Ardennen ein. Die Revolution öffnet die Laufbahn: 1792 Unterleutnant, 1793 Hauptmann, Aufstieg in Nord- und Italienarmee, 1796 unter General Bonaparte.
Am 13. Vendemiaire Jahr IV (5. Oktober 1795) holt er die Geschütze vom Camp des Sablons und bringt sie im Galopp zur Louvre-Kai und Saint-Roch — entscheidend für Bonapartes Kanonade gegen die Royalisten. In Ägypten führt er bei Abukir (25. Juli 1799) eine Kavallerieattacke gegen Mourad Beys Mameluken; die Bulletins feiern den « Säbel Frankreichs ».
Brumaire und Konsulat: Heirat mit Caroline Bonaparte Januar 1800 in Mortefontaine, Schwager des Ersten Konsuls. Unter dem Konsulat kommandiert er die Pariser Platzkavallerie und die Republikanische Garde. 1804 wird er einer der achtzehn Marschälle. 1805/06 Austerlitz, Jena, Auerstedt; am 8. Februar 1807 Eylau startet er den Massenangriff mit zehntausend Säbeln gegen Bennigsens Quadrate — Napoleon spricht von Wundern.
März 1806 Großherzogtum Berg und Kleve auf preußischen Annexionsgebieten: Verwaltungslabor vor dem südlichen Thron. Gros’ Gemälde Napoleons auf dem Eylauer Feld fixiert jene polnische Kampagne, in der die französische Kavallerie — Murat an der Spitze — zum Bild winterlichen Ausharrens wird.
Caroline, Berg und der Thron von Neapel: Gioacchino Napoleone
Die Heirat mit Caroline Bonaparte, jüngerer Schwester Napoleons, verankert Murat im Kaiserhaus: nicht nur Lieblingsgeneral, sondern Hausprinz. In Berg (1806–1808) regiert er mit militärischem Theater und Gesetzgebung; Caroline begleitet ihn, pflegt Protokoll und Netzwerke. 1808 verlegt Napoleon Joseph von Neapel nach Madrid; das neapolitanische Königreich ist vakant.
Murat bewirbt sich offen. Caroline wirbt beim Bruder. Dekret vom 1. August 1808: Joachim Murat König beider Sizilien; Ferdinand IV flüchtet nach Sizilien unter britischen Schutz. Triumphaler Einzug in Neapel am 6. September 1808; der Marschall nimmt den Namen Gioacchino Napoleone an und regiert mit einer Königin, die Politikerin sein will.
Das Paar modernisiert den Staat: nach französischem Vorbild, Banditenbekämpfung, Pompeji-Ausgrabungen, Mäzenatentum — San Carlo-Theater, Hofmusiker und Maler; Neapel soll vitrine des imperialen Modells bleiben, ohne die lokalen Eliten zu brechen, die Gerichte und Steuern halten. Sizilien und die britische Flotte bleiben Bedrohungen; Murat balanciert zwischen Nordrequisitionen und lokalen Bedürfnissen. Sein Traum eines vereinigten Italienreichs stößt an Napoleons Halbinselpolitik.
Élisabeth Vigée Le Bruns Porträt Carolines als Königin von Neapel bildet ein visuelles Gegenstück zur Marschallsuniform: eine Bonaparte-Souveränin im Süden zwischen Mittelmeerambition und Abhängigkeit vom Kaiser der Franzosen.
Im Herzen der Feldzüge: von Mitteleuropa bis zum Russlandrückzug
1809–1812 wechselt Murat zwischen Süditalien und nördlichen Schlachtfeldern. Bei Wagram (1809) führt seine Kavallerie gegen Erzherzog Karl; in Spanien kurz das Zentrum — Guerilla, Gelände und Wellington setzen ein anderes Tempo als in Deutschland.
1812 befehligt er nahezu die gesamte Kavallerie der Grande Armée. Moskau beendet den Krieg nicht; ab Oktober 1812 Rückzug. Murat deckt bis zuletzt, erträgt Kälte und Desertion. Ende November verlässt er die Armee, Januar 1813 Neapel — offiziell zum Schutz gegen Briten und Bourbonen, von Kritikern als Desertion oder Dynastiepriorität gelesen.
In Süditalien reorganisiert er, beobachtet Sizilien, verhandelt mit Notabeln. Frühjahr und Sommer 1813 marschiert er mit einem neapolitanischen Korps nach Sachsen, erlebt Leipzig ohne persönlichen Ruhm; der Elster-Brückeneinsturz zeigt den Bruch des napoleonischen Systems.
Leipzig überzeugt Europa vom Wanken des Reichs; in Neapel pflegt Caroline Kontakte zu Metternich, während Murat zwischen Napoleon-Eid und Thronüberleben schwankt. Der Sturm naht.
Die Wendungen 1814–1815: österreichischer Vertrag, italienisches Manifest, Tolentino
11. Januar 1814: Geheimvertrag mit Österreich — dreißigtausend Neapolitaner gegen Throngarantie. Napoleon, noch in der Champagne, tobt: « Murat! Der Feigling aller Feiglinge! » Die Aprilabdankung raubt ihm Neapel nicht sofort; der Wiener Kongress debattiert die Bourbonen, Diplomaten wägen Murat als Puffer oder Ferdinands Restauration. Caroline bleibt ein Einflussfaktor.
26. Februar 1815 verlässt Napoleon Elba; 1. März Landung in Golfe-Juan. Murat wechselt erneut: 15. März Manifest von Rimini an die Italiener — Aufruf zur Einheit, Heeresaufstellung gegen Österreich. Neapolitanische Truppen kennen wenig Kontinentalkrieg; Koordination mit Liberalen und Carbonari bleibt brüchig.
2. Mai 1815 Tolentino: Bianchi zerschmettert Murats Armee. Österreicher rücken auf Neapel; im Norden kämpft Napoleon gegen Wellington und Blücher — zwei französische Scheitern im selben Frühling. Murat ist flüchtig in feindseligem Kalabrien. Waterloo spielt sich ohne ihn; sein Ende wird kalabrisch.
Pizzo, Erschießung und Erinnerung: zwischen Säbel und « Abtrunnigkeit »
Als Matrose verkleidet, irrt Murat zwischen Cannitello und Pizzo. 8. Oktober 1815 erkennen Bewohner ihn am Strand von Pizzo Calabro; Flucht zu Wasser scheitert. Ein bourbonisches Kriegsgericht verurteilt ihn wegen Doppelverrats und Kriegs gegen Österreich. 13. Oktober auf der Burg von Pizzo, Tyrrhenisches Meer, lehnt er die Augenbinde ab: « Soldaten, tut eure Pflicht. Zielt aufs Herz, schont das Gesicht. »
Caroline flüchtet mit den Kindern nach Österreich; Franz I. verleiht den Titel Gräfin von Lipona (Anagramm von Napoli). Bonapartisten idealisieren den Helden; Royalisten feiern den Sturz des « abtrünnigen Königs ». Historiker des 19. Jahrhunderts schwanken zwischen Moralurteil und Faszination; neuere Forschung betont Verwaltungsmodernisierung und die strategische Sackgasse eines Souveräns, der weder ganz neapolitanisch noch pariser Instrument bleiben konnte.
Napoleon auf St. Helena: Murat war tapfer, aber ohne Urteil — zwischen Eylaus Taktikglanz und politischen Entscheidungen, die ihn zum Satelliten und zum Totengräber seines eigenen Thrones machten. Sein Name steht am Arc de Triomphe: öffentliches Gedächtnis trennt Feldrufm vom Oktober 1815 am kalabrischen Strand.
Weitere historische Figuren entdecken
Napoléon Bonaparte
Empereur des Français
Caroline Bonaparte
Königin von Neapel
Joseph Bonaparte
König von Neapel, dann von Spanien
Michel Ney
Marschall des Ersten Kaiserreichs, Fürst von Moskwa
Eugène de Beauharnais
Vizekönig von Italien
Louis-Alexandre Berthier
Maréchal d'Empire, prince de Neuchâtel et de Wagram
Mehr erfahren
Empfohlene Bücher zum Vertiefen (Affiliate-Links)
Napoleon — Eine meisterliche Biografie
Eine umfassende Biografie des Kaisers, auf solider Forschung basierend.
≈ 24,90 €Die Große Armee
Organisation, Taktik und Alltag der Soldaten der Großen Armee.
≈ 29,00 €Austerlitz 1805
Die ausführliche Darstellung der Schlacht der drei Kaiser.
≈ 19,90 €Als Amazon-Partner verdient diese Website an qualifizierten Verkäufen.
Die Enzyklopädie unterstützen
Empire Napoléon ist ein unabhängiges Projekt. Ihre Unterstützung hilft, Inhalte auszubauen und den Betrieb zu sichern.
Spenden