Nach Russland erhebt sich Preußen
Anfang 1813 flutete, was von der Grande Armée übrig war, nach Westen zurück. Murat, dem Napoleon den Oberbefehl überlassen hatte, verließ Mitte Januar die Armee, um nach Neapel zurückzukehren, und Eugène de Beauharnais musste versuchen, eine Linie zu halten, zuerst an der Oder, dann an der Elbe. Die Russen folgten. Schon am 30. Dezember 1812 hatte der preußische General Yorck in Tauroggen sein Korps ohne Zustimmung seines Königs aus dem Krieg genommen.
Friedrich Wilhelm III. zögerte noch. Sein Königreich, 1806 besiegt, in Tilsit verstümmelt, besetzt und durch Kontributionen ausgeblutet, war offiziell noch immer Frankreichs Verbündeter. Doch die Stimmung in Preußen schlug um, und der König folgte ihr schließlich. Am 28. Februar verband ihn der Vertrag von Kalisch mit Russland. Mitte März erklärte Preußen Frankreich den Krieg, und am 17. März erließ der König in Breslau seinen Aufruf An mein Volk. Eine Woche zuvor hatte er eine neue Auszeichnung gestiftet, das Eiserne Kreuz, das allen Dienstgraden offenstand.
Die Mobilmachung war beispiellos. Die Wehrpflicht wurde eingeführt, in allen Provinzen eine Miliz, die Landwehr, aufgestellt, und es bildeten sich Freikorps aus Freiwilligen, etwa das des Majors von Lützow, das Studenten, Handwerker und Dichter aus ganz Deutschland anzog. Nach den gängigen Schätzungen wuchs die preußische Armee von rund 130 000 Mann im März auf fast 280 000 im August, in einem Land mit weniger als fünf Millionen Einwohnern. Napoleon kämpfte nicht mehr nur gegen Regierungen: Zum ersten Mal stand er in Deutschland einer nationalen Erhebung gegenüber.
Eine Armee ohne Reiterei
In der Nacht vom 18. auf den 19. Dezember 1812 nach Paris zurückgekehrt, stellte Napoleon binnen weniger Monate eine neue Armee auf. Ein Senatus-consultum vom 11. Januar 1813 stellte ihm 350 000 Mann zur Verfügung: vorzeitig einberufene Rekruten, in die Linie übernommene Nationalgardisten, zu Infanteristen umgeschulte Marineartilleristen, aus Spanien zurückgerufene Veteranen, die die Rekruten ausbilden sollten. Die Infanterie war rasch wieder da. Die Kavallerie nicht: Zehntausende Pferde waren in Russland geblieben, und einen Reiter bildet man nicht in wenigen Wochen aus. Dieser Mangel lastete auf dem ganzen Feldzug. Ohne Reiterei konnte Napoleon noch eine Schlacht gewinnen, aber weder seinen Marsch aufklären noch einen geschlagenen Gegner verfolgen.
Die Koalition dagegen wuchs. Zu Russland und Preußen kam das Schweden Bernadottes, des einstigen Marschalls des Kaiserreichs und nunmehrigen Kronprinzen, der im Mai in Deutschland landete. England zahlte. Österreich, dessen Kaiser Napoleons Schwiegervater war, blieb offiziell sein Verbündeter, doch sein Minister Metternich wartete auf seine Stunde.
Lützen und Bautzen, Siege ohne Folgen
Napoleon übernahm Ende April den Befehl und rückte nach Sachsen vor. Am Vorabend der Schlacht, dem 1. Mai, wurde Marschall Bessières bei Rippach von einer Kanonenkugel getötet. Am 2. Mai überraschten bei Lützen, dem Großgörschen der deutschen Überlieferung, die Russen und Preußen Wittgensteins und Blüchers das Korps Neys in einer Gruppe von Dörfern. Die jungen Rekruten hielten den ganzen Tag in schwerem Feuer stand, bis Napoleon mit dem Rest der Armee und der Garde eintraf. Der Sieg war eindeutig, doch die Verbündeten zogen sich geordnet zurück: Ohne Kavallerie konnte niemand sie verfolgen.
Drei Wochen später wiederholte sich das Bild. Am 20. und 21. Mai griff Napoleon bei Bautzen an der Spree frontal an, während Ney die Stellung im Norden umgehen und dem Gegner den Rückzug abschneiden sollte. Die Umfassung schloss sich nicht, und die Verbündeten entkamen erneut, ohne nennenswert Geschütze oder Gefangene zurückzulassen. Am Tag darauf tötete eine einzige Kanonenkugel General Kirgener und verwundete Duroc tödlich, den Großmarschall des Palastes und einen der wenigen engen Freunde des Kaisers. In einem Monat hatte Napoleon zwei Schlachten gewonnen und Sachsen zurückerobert. Vernichtet hatte er keine Armee.
Der Waffenstillstand im Sommer
Am 4. Juni unterzeichneten die Kriegführenden in Pläswitz in Schlesien einen Waffenstillstand, der später bis zum 10. August verlängert wurde. Napoleon wollte Zeit gewinnen, um seine Reiterei neu aufzubauen und zu verhandeln. Viele Historiker halten das für einen seiner schwersten Fehler; andere erinnern daran, dass ihm mit einer erschöpften Armee ohne Reiter kaum eine Wahl blieb. Die Verbündeten nutzten die Waffenruhe besser. England sagte Preußen und Russland neue Subsidien zu, die preußische Landwehr vollendete ihre Aufstellung, und Österreich verpflichtete sich im Vertrag von Reichenbach vom 27. Juni, in den Krieg einzutreten, falls Napoleon seine Bedingungen ablehnte.
Am 26. Juni empfing Napoleon Metternich im Dresdner Palais Marcolini zu einem Gespräch von etwa acht Stunden. Österreich verlangte unter anderem die Auflösung des Herzogtums Warschau, die Rückgabe der Illyrischen Provinzen und die Wiederherstellung eines starken Preußen. Napoleon wollte nichts preisgeben, was nach Niederlage aussah. Der im Juli in Prag zusammengetretene Kongress stellte nur noch die Sackgasse fest. Unterdessen schlug Wellington in Spanien am 21. Juni bei Vitoria die Armee König Josephs vernichtend, und die Nachricht fiel in Wien ins Gewicht. Am 12. August erklärte Österreich Frankreich den Krieg.
Die Falle von Trachenberg
Während des Waffenstillstands, vom 9. bis 12. Juli, trafen sich die verbündeten Monarchen auf Schloss Trachenberg in Schlesien. Der Plan, den sie annahmen und der viel Bernadotte verdankte, war von bestechender Einfachheit: niemals eine Schlacht gegen Napoleon selbst annehmen, vor ihm zurückweichen und seine Unterführer schlagen, wann immer sie allein standen. Drei Armeen teilten sich die Aufgabe: die Nordarmee Bernadottes um Berlin, etwa 135 000 Mann; die Schlesische Armee Blüchers, etwa 95 000; die Böhmische Armee Schwarzenbergs, die stärkste, je nach Quelle 180 000 bis 200 000 Österreicher, Russen und Preußen. Napoleon seinerseits rechnete mit rund 400 000 Mann in Deutschland, davon 300 000 um Bautzen.
Der Plan ging fast vollkommen auf. Am 23. August wurde Oudinot, der auf Berlin marschierte, bei Großbeeren von den Preußen Bülows zurückgeschlagen. Am 26. schlug Blücher an der Katzbach Macdonald in strömendem Regen, der die Flüsse über die Ufer treten ließ. Am selben und am folgenden Tag gewann Napoleon selbst die Schlacht bei Dresden, seinen letzten großen Sieg in Deutschland: Die Böhmische Armee, die die Stadt angriff, wurde unter schweren Verlusten zurückgeworfen, und General Moreau, Bonapartes alter Rivale, der nun dem Zaren diente, wurden von einer französischen Kugel beide Beine zerschmettert. Doch die Verfolgung scheiterte. Am 30. August wurde bei Kulm in Böhmen das zu weit und ohne Unterstützung vorgestoßene Korps Vandammes eingeschlossen und aufgerieben, sein Befehlshaber gefangen genommen. Am 6. September schließlich unterlag Ney bei Dennewitz seinerseits der Nordarmee.
In drei Wochen hatten die Niederlagen der Marschälle weit mehr gekostet, als der Sieg von Dresden eingebracht hatte. Der Kaiser eilte von einem bedrohten Punkt zum anderen, ohne je eine feindliche Armee zu fassen. Erschöpfung, Hunger und Fahnenflucht, vor allem unter den deutschen Kontingenten, zehrten an seinen Kräften. Am 8. Oktober wechselte Bayern mit dem Vertrag von Ried die Seiten. Der Rheinbund begann zu zerfallen.
Leipzig, die Völkerschlacht
Anfang Oktober zogen die drei verbündeten Armeen zusammen. Da ihm drohte, von Frankreich abgeschnitten zu werden, räumte Napoleon den Raum Dresden, ließ Gouvion Saint-Cyr mit fast 30 000 Mann in der Stadt zurück und zog seine Kräfte um Leipzig zusammen. Die Schlacht, die dort vom 16. bis 19. Oktober geschlagen wurde, war die größte, die Europa vor dem 20. Jahrhundert erlebt hatte. Napoleon verfügte je nach Quelle über 190 000 bis 210 000 Mann; die Verbündeten, am ersten Tag etwa 200 000, standen am 18. mit über 300 000 im Feld. Auf dem Schlachtfeld sprach man Französisch, Deutsch, Russisch, Schwedisch, Polnisch und Italienisch, daher der Name „Völkerschlacht“.
Am 16. griff Napoleon im Süden bei Wachau an und hätte beinahe den Durchbruch erzwungen; im Norden nahmen die Preußen Yorcks Möckern unter furchtbaren Verlusten. Am 17. wurde wenig gekämpft, doch die Verstärkungen der Verbündeten trafen ein. Am 18. schloss sich die Zange auf der ganzen Linie; mitten in der Schlacht lief ein Teil der sächsischen Truppen zum Gegner über. Am 19. zog sich die französische Armee über die einzige ihr verbliebene Straße nach Westen zurück. Die Elsterbrücke, die nach dem Durchzug der Nachhut gesprengt werden sollte, flog zu früh in die Luft: Tausende Männer saßen in der Stadt fest. Poniatowski, drei Tage zuvor zum Marschall ernannt, ertrank beim Versuch, den Fluss zu Pferd zu durchqueren.
Die Verluste sind bis heute umstritten. Meist schätzt man die Zahl der Toten und Verwundeten in vier Tagen auf 90 000. Auf französischer Seite kommen zu 38 000 bis 45 000 Toten und Verwundeten mindestens 15 000 Gefangene sowie über 20 000 in den Leipziger Lazaretten zurückgelassene Verwundete und Kranke hinzu.
Zurück an den Rhein
Der Rückzug führte über Frankfurt. Am 30. Oktober versuchte die österreichisch-bayerische Armee des Generals von Wrede, etwa 40 000 Mann, bei Hanau den Weg zu versperren. Napoleon zog seine Artillerie unter Drouot zusammen, warf die Kavallerie der Garde ins Gefecht und brach durch. Anfang November überschritten die Reste der Armee bei Mainz den Rhein. Sie brachten den Typhus mit: Nach Schätzungen tötete die Seuche im Lauf des Winters rund 17 000 Soldaten und mehr als 2000 Einwohner der Stadt. Am 9. November war Napoleon wieder in Saint-Cloud.
Hinter ihm blieben mehr als 100 000 Mann in den Festungen Deutschlands und Polens eingeschlossen, von Danzig bis Magdeburg. Auf den Krieg hatten sie keinen Einfluss mehr. Dresden kapitulierte am 11. November, das von Rapp verteidigte Danzig Ende desselben Monats. Davout hielt Hamburg bis Mai 1814, lange nach der Abdankung des Kaisers.
Was 1813 veränderte
Der Feldzug von 1813 brachte das ganze napoleonische Gebäude jenseits des Rheins zum Einsturz. Der Rheinbund löste sich auf, Jérômes Königreich Westphalen verschwand, Holland erhob sich im November. In Frankfurt ließen die Verbündeten wissen, dass sie noch einen Frieden annehmen würden, der Frankreich seine „natürlichen Grenzen“ ließe: Rhein, Alpen und Pyrenäen. Napoleon zögerte mit der Antwort. Als er diese Grundlagen Anfang Dezember endlich annahm, hatten die Verbündeten ihre Forderungen bereits verschärft. Am 21. Dezember begann Schwarzenbergs Armee, den Rhein zu überschreiten; in der Neujahrsnacht 1814 setzte Blücher bei Kaub über. Der Feldzug in Frankreich begann.
Für Napoleon war 1813 das Jahr, in dem Siege nicht mehr genügten. Er siegte bei Lützen, Bautzen und Dresden und verlor doch alles, weil seine Gegner gelernt hatten, ihm die gesuchte Schlacht zu verweigern, und weil sich ganz Europa gegen ihn verbündet hatte. In Frankreich lebt die Erinnerung an den Feldzug in den jungen Rekruten fort, die im Herbst durch ein von Marie-Louise als Regentin unterzeichnetes Senatus-consultum ausgehoben und deshalb „Marie-Louise“ genannt wurden, und in Erckmann-Chatrians Roman Histoire d'un conscrit de 1813 von 1864.
In Deutschland wurde 1813 zum „Befreiungskrieg“, zu einem Gründungsmythos. Die Gedichte Körners, der im August gefallen war, lernte man in den Schulen; das Eiserne Kreuz überdauerte die Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts; in Leipzig wurde am 18. Oktober 1913, zum hundertsten Jahrestag der Schlacht, ein gewaltiges Denkmal eingeweiht. Die Historiker haben diese nationale Erzählung, die aus einer Koalition von Monarchien ein Erwachen des deutschen Volkes machte, seither stark relativiert. Auf die deutsche Geschichte des folgenden Jahrhunderts hat sie dennoch schwer gewirkt.
Literatur
- Thierry Lentz, Nouvelle histoire du Premier Empire, Bd. II, L'Effondrement du système napoléonien, 1810-1814, Fayard, 2004.
- Dominic Lieven, Russia Against Napoleon. The Battle for Europe, 1807 to 1814, Allen Lane, 2009.
- Michael V. Leggiere, Napoleon and the Struggle for Germany. The Franco-Prussian War of 1813, 2 Bde., Cambridge University Press, 2015.
- Jean-Pierre Patat, 1813, seul contre tous, Bernard Giovanangeli, 2010.
- Ein Roman: Erckmann-Chatrian, Histoire d'un conscrit de 1813, 1864.