Fürstin Borghese

Pauline Bonaparte

1780-1825

Marmorskulptur: Pauline Bonaparte als Venus Victrix, halb liegend auf einem Prunkbett, nackter Oberkörper, Draperie an den Hüften, Apfel des Paris in der Hand — Antonio Canova, Galleria Borghese, Rom

1780 in Ajaccio geboren, Paoletta Bonaparte — Pauline — war die verhängnisvolle Schönheit des Clans: mit siebzehn Jahren heiratete sie in Mombello General Leclerc, mit zweiundzwanzig war sie Witwe nach der Hölle von Saint-Domingue, dann Fürstin Borghese in Rom. Antonio Canova hielt sie in Marmor als Venus Victrix fest; der Skandal ärgerte selbst den Kaiser. Napoleons Lieblingsschwester, als einzige rückte sie 1814 nach Elba, als Joseph Bonaparte und Louis flohen und Caroline verriet. Sie finanzierte die Hundert Tage von Neapel aus, starb 1825 mit vierundvierzig Jahren an Krebs in Florenz — Legende der Frivolität, Erinnerung an Treue.

Mombello, Leclerc und die erste Trauer

Paoletta Buonaparte wird am 20. Oktober 1780 in Ajaccio geboren, sechstes Kind von Charles Bonaparte und Letizia — zwischen Élisa Bonaparte, der gebildeten älteren Tochter, und Caroline Bonaparte, schon mit dem Fuchsauge. Die Zeugen sind sich einig: Pauline ist die schönste der Schwestern, deren Lächeln entwaffnet, ehe das Wort kommt, deren tänzerischer Gang in den Vorzimmern des Luxembourg wie in den Tuilieren Köpfe drehen lässt. Napoleon, der Marschall-Brüder sammelte, bewahrte ihr eine Zuneigung ersten Ranges: sie war weder politische Rivalin noch fiskalische Plage; sie war der verlebte Charme der Familie.

Mit siebzehn Jahren, im Juni 1797, heiratet sie auf Schloss Mombello bei Mailand General Charles Victoire Emmanuel Leclerc — Waffengefährte der ersten Stunde, Held von Fleurus und Rivoli, über dreißig, harter Blick und sichere Hand. Die Ehe besiegelt Schwert und Blut: Leclerc ist siebenundzwanzig, Pauline siebzehn. In Paris unter Direktorium und Konsulat führt sie das Leben einer jungen Gesellschaftsfrau; Dermide wird im April 1798 geboren, ein Vorname aus Ossians Dichtung, dem Jahrhundertgeschmack für keltische Erhabenheit. Die Salons suchen sie; sie lacht, gibt aus, langweilt sich schon manchmal — das kommende Drama steht ihr noch nicht ins Gesicht geschrieben.

Im Dezember 1801 vertraut der Erste Konsul Leclerc das Kommando über die Expedition nach Saint-Domingue an: Frankreich wiederherstellen, Toussaint Louvertures Autonomie brechen, die 1794 abgeschaffte Sklavereifrage neu öffnen. Pauline steigt schwanger an Bord, trotz Warnungen — «Ich verlasse meinen Mann nie», sagt sie. Kein Roman; es ist sturer Mut der Frauen, die glauben, Liebe halte das Fieber in Schach. Auf der Insel wird sie ein Kind gebären, das nicht überleben wird; der Verlust lagert sich auf den Alptraum.

Gelbfieber und der Sarg nach Toulon

Die Landung in Cap-Français im Februar 1802 eröffnet einen Krieg ohne Front: Soldaten gegen Aufständische, ohnmächtige Ärzte, Klima, das frisst. Befehle, die Sklaverei wiederherzustellen, lösen einen allgemeinen Aufstand aus; Gelbfieber vollendet, was Kugeln nicht vollenden. Regimente schmelzen wie Schnee in der Sonne — Leclerc schreibt trockenes Französisch nach Paris, zwischen Wut und Mutlosigkeit. Toussaint wird verhaftet, ins Fort de Joux deportiert; er stirbt dort im April 1803, vom Frost wie von der Insel dahingerafft.

Leclerc erliegt am 2. November 1802. Pauline, selbst von der Krankheit niedergeworfen, lässt den Leichnam einbalsamieren — Geste der Gattin und Fürstin: der General kehrt nicht als anonymer Leichenhaufen heim. Die Überfahrt ins Mutterland ist ein Kalvarium: Hitze, Gerüche, Korsarenschreck, die Totgeburt der Insel im Gedächtnis. Sie erreicht im Januar 1803 Toulon mit Dermide und den sterblichen Überresten des Generals, der Generalhauptmann von Saint-Domingue geworden war. In Paris steht ihr die Trauer wie ein Abendkleid — sie trägt sie mit Anmut, die die Tugendhaften schockiert, als dürfe der Tod nicht elegant sein.

Napoleon überschüttet sie mit Aufmerksamkeit, Pensionen, Aussicht auf Titel. Pauline ist zweiundzwanzig: Witbe, reich, begehrt, scheinbar frei. Die zweite Heirat wird zur Figur auf dem imperialen Brett; sie hat Rom, Marmor und Fürst Camillo Borghese noch nicht gewählt — aber das Jahrhundert drängt sie dorthin.

Rom, Borghese und Canovas Marmor

Im August 1803 heiratet Pauline Camillo Borghese, römischer Fürst, Sammler und Mann des Stalls mehr als des Hofes — ein Bündnis von Kassen und Wappen, das Napoleon gern billigt. Die Borgheses besitzen Raffael und Caravaggio, Villen auf dem Janiculum, ein Klientel von Gelehrten und Händlern. Pauline gewinnt Titel, Einkünfte und vor allem ein Italien, wo große Leidenschaften ohne die tägliche Fortsetzungsserie der Tuilieren gelebt werden können. Das Paar zieht in den Palazzo Borghese an der via della Lungara; der Mann jagt, die Frau empfängt — ein Schema, solange die Fassade hält.

In Rom beauftragt sie Antonio Canova mit dem kühnsten skulptierten Porträt des Jahrhunderts: Venus Victrix, nackte Göttin auf antikem Lager, erhobenes Knie, Parisapfel in der Hand, Haar geflochten wie eine tragische Königin. Sie posiert 1804; der Meister meißelt bis 1808. Bei der Ausstellung schnappt das Kabinett-Europa empört nach Luft: eine künftige Kaiserin, eine französische Prinzessin, wie eine Marmor-Kurtisane gezeigt? Napoleon, verlegen, «erwirbt» das Werk, um es in Rom zu halten — fern pariser Spöttereien. Noch heute strömt die Menge in die Galleria Borghese für jenes eine Divan; Pauline gewann eine Unsterblichkeit, die kein Ölporträt gegeben hätte.

Ihr Privatleben nährt die Gazetten: Eselsmilchbäder, mehrere Ankleideriten am Tag, Empfänge, bei denen sie auf einem Sofa liegt und die Statue parodiert. Vermutliche Liebhaber — Offiziere, Musiker, Maler — würzen die Soupers. Borghese spielt Gleichgültigkeit; der Kaiser schimpft per Brief, lässt dann locker. Pauline bleibt die Schwester, die er nicht bestrafen kann, ohne sich selbst zu treffen. In den glanzvollen Jahren des Imperiums verkörpert sie den dekorativen Überschuss eines Regimes, das alles durch Pracht regeln wollte.

Portoferraio gegen die Desertion

1814, als Napoleon abdankt und nach Elba aufbricht, zerstreut sich die Familie aus Kalkül oder Furcht. Joseph Bonaparte flieht in die Schweiz, Louis Bonaparte Richtung Italien, Caroline Bonaparte hat schon die österreichische Karte gespielt. Pauline wählt das Gegenteil: Im September 1814 wirft sie den Anker in Portoferraio, mit Bargeld, Neuigkeiten aus Paris, Kleidern, Büchern — das Trostpaket derer, die nicht urteilen. Sie bleibt Wochen, organisiert Dinners, Spaziergänge, Kartenspiele; sie holt ein Lächeln auf ein vom Exil ausgehöhltes Gesicht.

Auf St. Helena soll Napoleon Las Cases — oder die Überlieferung leiht ihm die Worte — gesagt haben, Pauline habe ihm echte Verbundenheit gezeigt. Der Satz wiegt mehr als wortgetreue Authentizität: er fixiert in der Legende den Kontrast zwischen der frivolen und der anwesenden Schwester, wenn alle fliehen. Während der Hundert Tage schickt sie von Neapel bei Caroline Bonaparte — wo zwei Jugendrivalinnen aus politischer Not zusammenleben — Subsidien und Informationen. Nach Waterloo wagt sie keinen aussichtslosen Wurf; sie kehrt nach Italien zurück, faktische Trennung von Borghese, die Villa Paolina in Rom, wo sie Salon für die Unbeugsamen des Namens Bonaparte hält.

Letizia, 1821 Witwe des Kaisers, findet bei ihr Zuflucht; Bonapartisten treffen dort Künstler, ehemalige Offiziere, Träumer. Pauline hat nie ein Königreich regiert; sie hielt einen Schattenhof — weniger mächtig als Caroline in Neapel, menschlicher im kollektiven Gedächtnis.

Florenz, Krebs und Basilika

Die letzten Jahre mischen Rom und Florenz, Schulden des Prunks und Beschwerden, die sie herunterspielt. Krebs — der Verdauungstrakt, nach retrospektiver Diagnose — streckt sie mit vierundvierzig Jahren nieder. Sie stirbt am 9. Juni 1825 in Florenz, fern von Paris, das sie schon nicht mehr liebte, nahe den Steinen der Renaissance, die sie den nördlichen Salons vorzog.

Ihr Leichnam wird nach Rom gebracht: Santa Maria Maggiore nimmt das Monument auf, das Borghese für die zur Mythos gewordene Gattin in Auftrag gab. Canovas Marmor überdauert die Reiche; die Frau bleibt zwischen zwei Erzählungen geteilt — die leichte Gattin der Skandalchroniken und jene, die allein unter den Schwestern das Boot nach Elba nahm, als die Mode der Ehre schwieg.

Pauline verkörpert die Ambivalenz des Jahrhunderts: Schönheit als Waffe, Frivolität als Maske, und unter der Maske eine Beständigkeit, die weder Joséphine noch Marie-Louise in dieser Form kannten — weil sie das Imperium im Kleid waren und sie einfach die Schwester, die noch liebte, als die Krone nur noch bronzenes Andenken auf einem Grab war.

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